Wer alte Mannschaftsfotos aus den Sechzigerjahren betrachtet, sieht Trikots ohne jeden Schriftzug. Vereinswappen, Farben, manchmal eine Rückennummer – mehr nicht. Heute ist eine Brust ohne Sponsorlogo im Profifußball die Ausnahme. Unter den Branchen, die diese Fläche nutzen, nimmt die Autoindustrie seit Jahrzehnten einen festen Platz ein. Wie es dazu kam und warum gerade Fahrzeugmarken den Fußball so schätzen, erzählt viel über beide Welten.
Der Anfang: ein Hirsch auf der Brust
In Deutschland war Trikotwerbung lange verboten. Als erster Bundesligist lief 1973 Eintracht Braunschweig mit dem Logo eines Kräuterlikörs auf. Weil der Verband Werbung auf dem Trikot zunächst nicht zuließ, änderte der Verein kurzerhand sein Wappen und machte den Hirschkopf des Sponsors zum Vereinszeichen. Der Kniff funktionierte, der Widerstand bröckelte, und innerhalb weniger Jahre trugen die meisten Profiklubs Werbung auf der Brust.
Schon in dieser frühen Phase zeigte sich, welche Branchen ein Interesse an der Fläche hatten: Getränke, Versicherungen, Elektronik – und bald auch Fahrzeughersteller, Reifenmarken und Händler.
Warum Auto und Fußball zusammenpassen
Die Verbindung hat mehrere Gründe. Autos und Fußball erreichen ein großes, breit gestreutes Publikum. Beide leben von Emotionen, von Markentreue und von regionaler Identität. Wer einem Verein seit Jahrzehnten die Treue hält, ist oft auch einer Automarke verbunden, und Werbung im Stadion zielt genau auf diese Loyalität.
- Reichweite: Fernsehbilder, Pressefotos und heute soziale Medien tragen das Logo weit über das Stadion hinaus.
- Regionalität: Viele Hersteller haben große Werke in bestimmten Regionen und zeigen dort Präsenz als Arbeitgeber.
- Produktnähe: Mannschaftsbusse, Dienstfahrzeuge für Spieler und Trainer oder Shuttles am Spieltag machen das Sponsoring sichtbar, auch abseits des Trikots.
Werksvereine und Mobilitätspartner
Ein besonderer Fall sind Vereine, die direkt aus einem Unternehmen hervorgegangen sind oder eng mit ihm verbunden bleiben. Das bekannteste Beispiel in Deutschland ist der VfL Wolfsburg, dessen Geschichte untrennbar mit dem Volkswagenwerk der Stadt verknüpft ist. Hier geht das Engagement über Sponsoring weit hinaus.
Häufiger ist eine lockerere Form der Partnerschaft: Ein Hersteller oder Importeur wird offizieller Mobilitätspartner, stellt Fahrzeuge für den Klub bereit und erhält dafür Werbeflächen, Logenplätze oder Auftritte bei Veranstaltungen. Dafür muss das Logo nicht zwingend auf der Brust stehen; Banden, Ärmel und digitale Kanäle bieten weitere Flächen.
Von der Brust auf den Ärmel
Lange war die Brust die einzige große Werbefläche des Trikots. Seit der Saison 2017/18 erlaubt die Deutsche Fußball Liga in der Bundesliga zusätzlich Werbung auf dem Ärmel. Damit entstand eine zweite, etwas günstigere Fläche, die für Marken interessant ist, die nicht als Hauptsponsor auftreten wollen. Auch Autohäuser, Leasinggesellschaften und Zulieferer nutzen solche Möglichkeiten.
In den unteren Ligen und im Amateurfußball sieht das Bild anders aus. Dort ist das örtliche Autohaus oft einer der wichtigsten Geldgeber überhaupt. Ein Satz Trikots mit dem Namen des Händlers, ein Kleinbus für Auswärtsfahrten der Jugend, ein Werbebanner am Vereinsheim: Für viele Klubs sind solche Partnerschaften existenziell, und für den Händler ist die Sichtbarkeit am Wochenende eine gute Werbung im eigenen Einzugsgebiet.
Elektromobilität verändert die Botschaft
Mit dem Wandel der Branche verschieben sich auch die Inhalte des Sponsorings. Wo früher Motorleistung und Fahrspaß im Vordergrund standen, werben Hersteller heute häufiger mit elektrischen Modellen, Ladeinfrastruktur oder Klimazielen. Manche Vereine richten Ladepunkte am Stadion ein oder stellen ihre Fahrzeugflotte um und machen das öffentlich sichtbar.
Gleichzeitig drängen neue Marken auf den europäischen Markt, die bekannter werden wollen. Fußball ist dafür ein naheliegender Weg, weil er in kurzer Zeit viele Menschen erreicht. Wer die Trikots mehrerer Spielzeiten vergleicht, sieht diese Entwicklung oft direkt an den Logos.
Ausrüster ist nicht gleich Sponsor
Im Gespräch über Trikots werden zwei Rollen oft verwechselt. Der Ausrüster stellt das Trikot her und setzt sein eigenes, meist kleineres Markenzeichen darauf. Der Sponsor dagegen kauft eine Werbefläche und hat mit der Herstellung nichts zu tun. Beide Verträge laufen unabhängig voneinander und enden zu unterschiedlichen Zeitpunkten. So kann es vorkommen, dass ein Verein mit neuem Hersteller, aber altem Sponsor in die Saison geht – oder umgekehrt.
Für Autohersteller hat die Fläche auf der Brust einen weiteren Haken: Sie ist teuer, und die Wirkung lässt sich schwer messen. Manche Marken setzen deshalb lieber auf Banden, Namensrechte an Spielstätten oder Fahrzeugflotten, die im Stadtbild sichtbar sind. Und wenn ein Partner wechselt, reagieren Fans oft empfindlich, vor allem bei Traditionsvereinen, deren Anhänger ein bestimmtes Logo über viele Jahre mit ihrer Mannschaft verbinden.
Das Trikot als Zeitdokument
Gerade deshalb sind Trikots mehr als Sportbekleidung. Sie halten fest, welche Partner, welcher Ausrüster und welche Gestaltung in einer bestimmten Saison aktuell waren. Für Fans, die solche Veränderungen nachverfolgen, gibt es eigene Übersichten, etwa eine Chronik der Löwen-Trikots von 24/25 bis 26/27, die zeigt, welche Modelle es in den letzten Jahrgängen des TSV 1860 München gab und welche davon heute noch erhältlich sind.
Fragen und Antworten
Seit wann gibt es Trikotwerbung in der Bundesliga?
Seit 1973. Eintracht Braunschweig war der erste Bundesligaverein, der mit einem Sponsorenlogo auf der Brust spielte.
Ist Ärmelwerbung in der Bundesliga erlaubt?
Ja, seit der Saison 2017/18. Damit gibt es neben der Brust eine zweite große Werbefläche auf dem Trikot.
Warum sponsern so viele Autohäuser Amateurvereine?
Weil sie ihre Kundschaft vor Ort erreichen. Ein Amateurverein bringt Familien, Nachbarn und Mitglieder zusammen, genau die Menschen, die im Umkreis des Händlers ein Auto kaufen oder warten lassen.
